Rede von Tilman Spreckelsen zum Kurt-Wolff-Preis für
den Weidle-Verlag und den Lehmstedt-Verlag, am 18. 03. 05 auf der Leipziger
Buchmesse im Berliner Zimmer


Meine Damen und Herren,
"Angebote, die man nicht ablehnen kann", sind vielleicht in Kreisen des
organisierten Verbrechens üblich, auf dem Buchmarkt gibt es dagegen
tagtäglich ein Übermaß an Angeboten, die abzulehnen unbedingt geboten ist.
Das gilt für Leser und Verleger gleichermaßen, doch mit ganz
unterschiedlichem Risiko: Den Leser kann die Annahme des falschen Angebots
ein paar Euro und einige Stunden verschwendeter Zeit kosten, den Verleger
aber schlimmstenfalls die Existenz. Da mag es hilfreich sein, wenn sich
gefährliche Angebote wenigstens nicht tarnen - wenn, beispielsweise, ein
freundlicher älterer Herr plötzlich an einen Jungverleger die unverhüllte
Frage richtet: "Hätten Sie nicht Lust, mit mir gemeinsam finanziellen
Selbstmord zu begehen?"
Ich bin mir nicht sicher, ob Hans Sahl die späte Verwirklichung seines
Vorschlags an Stefan Weidle wirklich in derart prächtiger Form vorausgesehen
hat, wie sie uns seit einigen Monaten aus den Schaufenstern guter
Buchhandlungen entgegenleuchtet: Sahl wollte Weidle dazu bewegen, Hermann
Borchardts großen Roman "Die Verschwörung der Zimmerleute" zum ersten mal
überhaupt auf Deutsch zu publizieren, das Buch, das jetzt in zwei schön
gebundenen, von Friedrich Forssman gestalteten und Uta Beiküfner
herausgegebenen Bänden vorliegt und das einen, läßt man sich darauf ein,
begeistert und ratlos zurückläßt: Begeistert, weil man es, wie mühelos
erkennbar, mit einem großen panoramatischen Gesellschaftsroman zu tun hat,
der es in seiner Wucht und dem Anspruch, eine Epoche künstlerisch überhöht
abzubilden und verständlich zu machen, durchaus mit Karl Gutzkows "Die
Ritter vom Geiste" aufnehmen kann; und ratlos: daß ein solches Juwel zwar
1943 in englischer Sprache erscheinen konnte (Klaus Mann lobte es als
"einmalig", "kühn" und "streitbar" und schob hinterher, das Buch sei
allerdings "eines der ausschweifend reaktionärsten Bücher, die seit der Zeit
von Metternich geschrieben wurden"), in der Muttersprache des Autors aber
erst über 60 Jahre später.
Der Großroman des 1937 emigrierten, 1951 in New York gestorbenen Borchardt
ist nur das bislang letzte Glied in einer langen Kette von im Weidle-Verlag
erschienenen Büchern, die von aus Deutschland emigrierten Künstlern stammen
oder dokumentarisch deren Schicksalen gewidmet sind:
Da ist "Ihr sollt die Wahrheit erben" von Anita Lasker-Wallfisch, das von
der Zeit der Autorin als Cellistin im sogenannten "Mädchenorchester von
Auschwitz" berichtet; da ist das zweibändige Memoirenwerk des Filmregisseurs
und Drehbuchautors Curt Siodmak; da ist, um eines der jüngst erschienenen
Beispiele zu nennen, die große Biographie der Alma Rosé, deren Schicksal,
das einer zunächst glücklich entkommenen Emigrantin, die dann doch wieder in
den Machtbereich der Nationalsozialisten geriet, besonders tragisch ist -
übrigens ein aus dem Englischen übersetztes Buch, dessen deutsche Ausgabe
sich durch große Sorgfalt und inhaltliche Genauigkeit auszeichnet.
Natürlich könnte man, angesichts dieser erstaunlich langen Reihe, auch von
einer Art "später Gerechtigkeit" sprechen, von einem Akt der literarischen
"Widergutmachung" gar - und läge damit ganz falsch. Denn schiere
Gerechtigkeit - am Ende wohl: die Bereitstellung von Büchern, an deren
Verkäuflichkeit der Verlag selbst nicht glauben mag, für die er sich nicht
einen Kreis von interessierten Lesern vorstellen kann - dient niemandem und
sollte keine Kategorie für den Buchmarkt sein. Hegt man primär diese
Absicht, dann wäre ein Privatdruck angebracht, in wenigen Exemplaren auf
handgeschöpften Bütten meinethalben.
Denn ein von schlechtem Gewissen diktiertes Verlegen ist keinesfalls im
Sinne der Autoren. Ich traf vor einigen Tagen einen jüdischen
Schriftsteller, den die Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurde
und dessen Werke nun neu aufgelegt werden. Er fragte mich mit etwas
Mißtrauen in der Stimme, ob ich glaube, daß man damit nun nur "Gerechtigkeit
üben" wolle, oder ob es wirklich um seine Gedichte, Romane und Essays ginge.

Es war leicht, ihn  über diesen Punkt zu beruhigen. Denn auch dieser
Schriftsteller wußte, daß ein Verleger auf ein  Publikum zielt, das er
gewinnen, das er für seine Bücher begeistern will und das auf sein
publizistisches Angebot nicht aus Schuldbewußtsein, sondern aus schierer
Lust an der Lektüre eingehen möge - so wie ihn selbst das Manuskript
begeistert hat.
Seine Begeisterung versteht Stefan Weidle zu vermitteln, seinem Instinkt für
literarische Qualität vertraut er zurecht, seine Bücher schlagen zuverlässig
in ihren Bann, und wer beispielsweise die eben erwähnten Titel aus seiner
Produktion kennt, wird den Geburtshelfer solch gediegener Texte schätzen und
die oftmals auch biographischen Zusammenhänge zwischen den Autoren der einen
und den Porträtierten der anderen Bücher wahrnehmen. Allein um die Person
des neuen Verlagsautors Hermann Borchardts knüpft sich ein Netz von Freund-
und Feindschaften, das auf zahlreiche bereits schon länger erschienene Titel
des Verlags verweist. So lassen sich Stefan Weidles Ausgrabungen - und
ebenso Barbara Weidles großartiges Buch über die Bildhauerin Anna Mahler -
auch als Elemente eines allmählich neu zusammengefügten Kosmos verstehen,
ein eigenwilliges Bild einer Generation von Künstlern und ihrem Schicksal in
der Heimat und im Exil.
Und natürlich sollte man bei all dem ein ästhetisches Element nicht außer
acht lassen, ein Element, das in meinen Augen das Verlagsprogramm nicht
unerheblich prägt: Es ist ein gut ausgeprägter Sinn für eminent komische,
gleichzeitig oft bittere Texte - stellvertretend möchte ich hier die böse
Kindheitsgeschichte "Ein Stück Malheur" von Jörg Gronius und den Roman
"Katzenmusik" von René Fülöp-Miller erwähnen, übrigens ebenfalls eine
Geschichte, die um ein Kind herum erzählt wird, ein unvergeßliches Kind, das
nicht minder garstig ist als das Umfeld des kindlichen Protagonisten in
Gronius' Buch. Und wenn der Verleger demnächst Arthur Landsbergers im
Filmgeschäft der Zwanziger Jahre spielenden Roman "Liebe und Bananen" neu
herausbringen wird, das, wie er sagt, "lustigste Buch, das ich kenne", wird
die Latte sehr hoch gelegt.
Der Weidle-Verlag erhält in diesem Jahr erfreulicherweise den Preis der
Kurt-Wolff-Stiftung: "Seit über einem Jahrzehnt", heißt es in der
Begründung, "folgt der Verlag mit seinem Buchprogramm dem Anspruch
inhaltlicher und gestalterischer Perfektion." Und weiter: "Der Weidle Verlag
öffnet literarische Nischen und macht sie dem Publikum zugänglich. Er ist
daher ein vorbildhaftes Beispiel für unabhängige Verlage in Deutschland."
Das ist natürlich richtig. Andererseits gibt es unabhängige Verlage, die
ersichtlich ihren eigenen Weg gehen und auf Vorbilder vielleicht nicht mehr
allzu sehr angewiesen sind. Mark Lehmstedt, der in seiner wissenschaftlichen
Laufbahn unter anderem das Verlagswesen und den Buchmarkt im neunzehnten
Jahrhundert erforscht und später als Lektor die CD-Rom-Edition "Digitale
Bibliothek" aufgebaut hat, gründete vor gerade mal zwei Jahren in Leipzig
ein Verlagshaus, das sich in kluger Ausrichtung dieser Stadt verschrieben
hat, freilich in einer Form, die sich fundamental von der betulichen
Heimattümelei mancher regional verwurzelten Verlage unterscheidet.
Lehmstedts Interesse gilt der Geschichte Leipzigs, wie sie sich in den
Erfahrungen derer niederschlägt, die in ihr gelebt haben oder noch leben.
Dazu gehören Dokumente wie die Briefe, die  Jean Paul als Leipziger Student
geschrieben hat, die Autobiographie des ersten Kapellmeisters des
Gewandhausorchesters Johann Adam Hiller oder die Briefe des Leipziger
Grafikers Max Schwimmer. Lehmstedt gab eine schöne Sammlung von in Leipzig
entstandenen Feuilletons Erich Kästners heraus und legte eine verdienstvolle
Studie über Johann Jakob Weber, den Gründer der ersten illustrierten Zeitung
(die natürlich aus Leipzig kam) wieder auf. Und er brachte zwei
Bild-Text-Bände über das zerstörte Leipzig heraus, die in ihrer gediegenen
Ernsthaftigkeit frappieren und das Leid der Bevölkerung nüchtern und
detailbesessen sichtbar machen.
Die Angebote, die wir jedes Frühjahr und jeden Herbst von den Verlegern
Lehmstedt und Weidle erhalten, nehmen wir jedenfalls gerne an, umgekehrt
bleibt - erstens - zu hoffen, daß Angebote wie das von Hans Sahl, Hermann
Borchardt betreffend, den Verleger Weidle noch oft erreichen. Und damit
dabei prächtige Bücher, aber nicht der vorgeschlagene finanzielle Selbstmord
herauskomme, wünschen wir - zweitens - dem Verlag in regelmäßiger Folge so
ehrenvolle und gutdotierte Auszeichnungen wie den Kurt-Wolff-Preis.
Ich danke Ihnen.