Seit dem September 1988 hängt über meinem Schreibtisch, lose von einer Stecknadel festgehalten, eine Postkarte mit einer Reproduktion eines Gemäldes im Stil der Neuen Sachlichkeit. 
Diese Postkarte, die mir Michael Kellner, ein befreundeter Klein-Verleger geschickt hat, sehe ich bei allen Arbeiten in meinem Büro - sehe sie beim morgendlichen Öffnen der Post, beim Telephonieren, sehe sie, wenn ich am Computer sitze, sei's beim Schreiben von Briefen und Artikeln, sei's bei der Redaktion von Manuskripten, sehe sie bei ganz prosaischen Arbeiten, z.B. bei der Buchhaltung oder beim Packen von Bücher-Päckchen.
Auf der Postkarte blickt mich seit über zwölf Jahren ein Herr an, der knapp vierzig Jahre alt ist, also einiges jünger, als ich es mittlerweile bin. Er hat kurzes, streng gescheiteltes Haar, große blaue Augen, einen schmalen, leicht zusammengepreßten Mund. Er ist korrekt gekleidet, trägt ein grünes Jackett, eine dunkle Weste und einen zum Jackett passenden grünen Schlips.
Der Herr sitzt hinter einem Tisch. Auf diesen Tisch hat er seine Ellenbogen aufgestützt, seine Hände sind lose ineinander verschränkt. Vor ihm liegen vier Bücher: ein aufgeschlagenes, in dem Bilder zu sehen sind; zwei Bücher liegen unter dem aufgeschlagenen, eines - ein blaues - liegt daneben.
So also sitzt er an seinem Tisch und schaut mir seit über zwölf Jahren bei der Arbeit zu. Er hat mir in euphorischen Momenten zugeschaut, genauso wie in depressiven. Er hat auch, ich gestehe es, Dinge gesehen - verlagsfremde Dinge - die ihn gar nichts angehen. Immer saß er da, völlig ungerührt, aber immer schien er mir zu suggerieren: Junge, halt die Ohren steif, laß den Kopf nicht hängen!
Als ich nun kürzlich den Anruf mit der Nachricht erhielt, diesen Förderpreis zu erhalten, da war mein einziger Zeuge wieder der Herr auf dem Bild. Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, schaute ich ihn lange an, lächelte ihm zu, und einen kurzen Moment lang war mir, als wenn er zurücklächelte, zum ersten Mal zurücklächelte, und als wenn er den zusammengepreßten Mund leicht öffnete, um mir zuzuflüstern: "Ich freue mich, Du hast ihn verdient, diesen Preis in meinem Namen, mach weiter so."

Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen!