Aus der Laudatio zur Vergabe des Kurt-Wolff-Preises 2003 von Prof. Dr. Klaus Wagenbach, Verleger
Verlag Neue Kritik
Reden sollte hier eigentlich, wie es auch in der Einladung stand, Daniel Cohn-Bendit, der aber aus
verständlichen Gründen diese Laudatio hat absagen müssen. Dany hätte den Verlag Kritik, den
wir heute ehren, aus den Erfahrungen seiner Frankfurter Zeit natürlich viel genauer beschreiben
können als ich, der ich aber immerhin Gesellschafter des Verlages Neue Kritik bin, seit etwa drei
Jahrzehnten, wiewohl ohne jemals eine Bilanz gesehen oder an einer Gesellschafterversammlung
teilgenommen zu haben. Und dennoch lebt der Verlag! So muss es sein! (...)
Das ist ja eine Erfahrung, die viele linke Verleger machten: Beim Betreten von Neuland erhielten
sie Gegenfeuer aus den Batterien der Theorie und als der Kanonendonner sich verzog, blieb die
Praxis an ihnen hängen.
Und diese Praxis von Dorothea Rein ist sehr eindrucksvoll: Ihr haben wir
nicht nur die Entdeckung von Hanna Krall und Frida Kahlo zu verdanken, sondern auch die Öffnung
des Feminismus für andere als dogmatische Wege. (...)
Nicht zu vergessen die „archäologische“
Arbeit, unser täglich Brot gegen das Vergessen. Mit mehreren Büchern hat Dorothea Rein die
Person und die Arbeit von Milena Jesenská wiederentdeckt, wie auch die Schriften von
Kay Boyle.
Sie hat viele Bücher aus dem Polnischen und Ungarischen zuerst verlegt oder wieder zugänglich
gemacht: Marek Hlasko, Béla Zsolt, Henryk Grynberg oder István Bibó. Sie hat die Gedichte und
Lieder zweier großer Poeten neu übersetzen lassen, Vladimir Wyssotzky („Wolfsjagd“) und John
Donne - mit einem schönen Titel, den man förmlich mitsingen kann: „Hier lieg ich von der Lieb
erschlagen“
Und Dorothea Rein hat schließlich eine Serie mit dem hinterlistigen Titel „apropos“ begründet, die
in kurzer Form das Leben bedeutender Frauen beschreibt: Lee Miller, Ethel Rosenberg, Carson
McCullers, Vicki Baum, Katherine Mansfield, Margarete Buber-Neumann und viele andere.
Für diese verlegerische Arbeit verleihen wir dem Verlag Neue Kritik, also Dorothea Rein, den Preis
der Kurt-Wolff-Stiftung, als Ermutigung für neue Bücher, Entdeckungsreisen und abweichende
Meinungen.
Verlag Brinkmann & Bose
(...) Aber was für ein Verlag! Geradezu das Musterbeispiel dafür, was ein Einmannverlag leisten
kann und was größere Verlage nicht leisten können. Neben Büchern von Derrida einzelne Essays
von Dyson, Schünemann, Theweleit, Felka, Shannon oder Hamvas. Oder zwei große
Gesamtausgaben der Schriftstellerin Unica Zürn und der bedeutendsten deutschen Filmkritikerin
Frieda Grafe. (...)
Denn das muss man genießen, wie die Bücher des Verlags Brinkmann & Bose gemacht sind! Mit
Rückenfalz oder in englischer Broschur, mit silberner oder farbiger Prägung, mit
Einbandmaterialien (immer wieder auch Büttenkartons), die schon beim Anfassen endlose
haptische Vorlust versprechen. (...)
Aus Respekt vor dieser radikal autonomen, inhaltlichen und
ästhetischen Leistung hat die Kurt-Wolff-Stiftung beschlossen, dem Verlag eine Projektförderung
zuzusprechen, sei es für die Fortsetzung der Unika Zürn- oder die der Frieda Grafe - Ausgabe, das
soll Erich Brinkmann selbst entscheiden.